9

der bahnhof friedrichstraße reicht von der georgenstraße bis zum
schiffbauerdamm und erstreckt sich entlang seiner gleise in einer leichten
biegung seine imponierende eisenkonstruktion überspannt reichstagsufer
und spree und die straßenunterführung der friedrichstraße läßt diese zu
einem teil des bahnhofs werden
von den beiden längsseiten wölbt sich die verglasung über die bahnsteige
die gleise überqueren und unterqueren in verschiedenen ebenen sowohl
die friedrichstraße als auch die spree die u bahn von kreuzberg nach wedding
führt direkt unter der friedrichstraße entlang und noch unter der s bahn
die s bahn vom potsdamer platz richtung gesundbrunnen verläuft ebenfalls
unterirdisch die ebertstraße pariser platz unter den linden neustädtische
kirchstraße entlang überkreuzt am bahnhof friedrichstraße die u bahnlinie
unterquert den weidendamm die spree und führt weiter über tucholskystraße
ecke oranienburger straße nordbahnhof richtung humboldthain die anderen
drei s bahngleise wurden als hochbahn über friedrichstraße und spree geführt
ein fernbahngleis verlief außerhalb des bahnhofs also vor der verglasung
das andere durch den bahnhof hindurch
als innerstädtische fernbahnverbindung über ostbahnhof friedrichstraße
zoologischer garten wannsee wurde diese bahnstrecke nicht nur von den
interzonenzügen befahren sondern auch vom internationalen verkehr nach
osten und südosten also warschau moskau ebenso wie prag und wien per
karlexexpress und budapest bukarest per vindobona
der bahnhof friedrichstraße hatte auf jeder seiner vier seiten mehrere ein und
ausgänge man konnte auf der nordwestlichen seite vom schiffbauerdamm
oder dem reichstagsufer aus die bahnsteige erreichen dann gab es die drei
großen eingänge auf der wintergartenseite der georgenstraße also südwestlich
und es gab ebenso drei große eingänge auf der reichstagsuferseite der
friedrichstraße also nordöstlich
am südöstlichen ende direkt unter der unterführung befand sich der
eigentliche haupteingang wo man von zwei seiten übereck und über zwei
kurze treppen die schalterhalle des bahnhofs erreichte den eindruck des
haupteinganges vermittelten die beiden treppen und der umstand daß
praktisch die meisten passanten die von der straße zum bahnhof wollten
diesen zugang benutzten
schließlich gab es in der georgenstraße vor den s bahnbögen noch einen
zugang einmal zur u bahn und zum anderen die treppe hinauf und über die
friedrichstraße zu den s bahnsteigen
zusammengefaßt muß man sich einen bahnhof vorstellen durch den der
verkehr praktisch in sechs ebenen floss der u bahnverkehr fand in der ersten
ebene statt der s bahnverkehr unten fand in der zweiten ebene statt der
s bahnverkehr oben und der fernbahnverkehr fanden in der dritten ebene
statt der schalterhallenverkehr einschließlich geschäfte mitropacafé und
wechselstube bildete die vierte ebene der auto bus und sonstige
straßenverkehr auf der friedrichstraße welche durch den bahnhof lief bildete
die fünfte ebene und der schiffsverkehr auf der spree in einiger entfernung
war durchaus als sechste ebene anzusehen
stellt man sich unter diesen umständen den gesamten bahnhof als eine
lokomotive vor so glichen die neuen maßnahmen ungefähr dem versuch
sowohl den dampfdruck zu vermindern als auch das feuer nicht ganz
ausgehen zu lassen nur die ventile zuzudrehen die signale auf rot zu stellen
um gleichzeitig mit neu gestellten weichen die fahrt trotzdem fortzusetzen
der versuch den bahnhof friedrichstraße den erfordernissen anzupassen
wie sie sich aus den getroffenen maßnahmen hinsichtlich reise und
grenzsicherheit nun ergaben läßt sich in drei phasen unterteilen
die erste phase reicht vom dreizehnten august bis zum
passierscheinabkommen im dezember dreiundsechzig die zweite phase beschreibt
den zeitraum bis zu den abkommen über die normalisierung
der beziehungen der beiden deutschen staaten ein und zweiundsiebzig
die dritte phase betrifft die zeit der siebziger jahre danach
eine übersicht über die jeweils ergriffenen maßnahmen dürfte niemand
besitzen noch sich vorstellen können die veränderungen welche die
reisenden mitbekamen betrafen meist details die sich irgendwann
qualitativ auswirkten aber man kann die veränderung grob so skizzieren
daß ein eindruck vermittelt wird von der besessenheit mit der der
neuralgische punkt bahnhof friedrichstraße bearbeitet und behandelt
wurde
in der ersten phase wurden die zunächst einfach nur bewachten ein und
ausgänge aller ebenen einer schließlich lückenlosen absperrung unterzogen
der bahnhof blieb in seiner struktur erhalten nur kam eben jeder nur an die
stelle zu der ihn die kontrollen vorliessen der zunächst einzige unterschied
die züge fuhren nicht mehr durch alles endete oder begann bahnhof friedrichstraße
die züge aus und in richtung westen verkehrten dabei
scheinbar weiter ganz normal man hörte die lautsprecherdurchsagen las auf
den schildern wohin die züge fuhren sah die fahrgäste zum greifen nah und
war doch abgetrennt man hatte den eindruck daß dies alles nur den osten
betraf der westen blieb irgendwie merkwürdig unberührt davon daß das gleis
gegenüber plötzlich drüben war
über den hinteren ausgang in fahrtrichtung westen hinaus durfte man den bahnsteig
nicht betreten oder einsehen wollte man doch passieren mußte
man sich ausweisen und angeben wohin man wollte eine ganze weile noch
fuhren die ostzüge leer weiter in richtung lehrter stadtbahnhof und kamen
auf dem gegengleis zurück
der ganze trubel der ersten tage entstand allerdings nicht unmittelbar
wegen der maßnahmen selbst sondern auf grund eines untauglichen
abfertigungssystems die ratlos umherirrenden schiebenden drängenden
sich stauenden reisenden machten das treiben immer verrückter weil sie
beim kauf einer s bahnfahrkarte beim knipsen später lochen derselben und
beim wiederabgeben der s bahnfahrkarte jedesmal in einer schlange
anstehen mußten
in der zweiten phase wurde das system der ein und ausreise auf eine
sozialistische grundlage gestellt eine neu errichtete einundausreisehalle
zentralisierte die prozedur im gesamten bahnhof galt das prinzip der
strikten ost west teilung es gab ab da eine westseite des ostens und eine
ostseite des westens im selben bahnhof
in der dritten phase mußte dann noch einmal das abfertigungssystem
den gestiegenen ansprüchen angepasst werden weil die westreisenden
rentner ab friedrichstraße die fernbahn benutzten und allmählich
verwandelte sich der bahnhof von einem verkehrsknotenpunkt in einen
grenzübergang was bedeutete zu einem systematisch in verwirrung
stürzenden abbild der gedankengänge jener die die grenze gezogen
hatten
aber wenn auch später das gesamte objekt mutierte in den ersten tagen
und wochen nach dem bau der mauer wirkte der bahnhof eher wie eine
zukünftige baustelle die dem großstädtischen gewohnheitstier plötzlich
und offenbar für länger den weg versperrte man trug den neuen tatsachen
rechnung aber selbst überraschungen brachten einen nicht aus dem trott
zumal alle absperrungen noch lange zeit sehr provisorisch wirkten sich
scheinbar der öffentlichkeit anpassten und die einschränkungen im alltagsbetrieb
verkraftbar blieben die hermetik schien durchsichtig und
der eiserne vorhang hatte noch löcher
ansonsten aber blieb alles beim alten so hieß es und genau dieser eindruck
ein paar harmloser maßnahmen bei im übrigen fortbestehender normalität
verursachte in seiner absichtlichen zwiespältigkeit ein durcheinander aus
konfusion konspiration transaktion und observation welches allmählich die
entstehung einer neuen ordnung bewirkte fast ging es zu wie bei einem
siebentagewerk denn als sich die ein von der ausreise reinlich geschieden
hatte wie der tag von der nacht und das hüben vom drüben wie das licht
von der finsternis da war aus dem ganzen etwas noch prächtigeres
entstanden als vorher war kein einfacher bahnhof mehr zum ankommen
und abfahren sondern eine art empfängnisvorrichtung und
ausscheidungsorgan in einem in sich geschlossen wie die vakuole ddr oder
ihr geteilter kern berlin ein drittes miniaturparadies im paradies im paradies
gewissermaßen und gleichzeitig der körperteil der bei sehr einfachen
lebewesen für das ausstoßen unbrauchbarer reste und bei nicht ganz so
primitiven auch noch für die empfängnis oder fortpflanzung zuständig ist
und der seine verschiedenen bezeichnungen von den wechselnden
funktionen herleitet eigentlich aber nur einen namen hat
die anziehung die der bahnhof friedrichstraße die zeit der mauer über
ausüben sollte stammte zum teil aus der anrüchigkeit wie sie orte mit
solcher funktion auszeichnet der bahnhof friedrichstraße wurde zum
alpha und omega einer zu erfahrenden ddr
nun sind anfang und ende zwar in eins verstrickt aber eben nicht auf dem
kürzesten weg eben wegen der zu machenden erfahrung sondern
irreführend voller hindernisse weshalb im bahnhof friedrichstraße die
beiden halbwelten durch ein labyrinth verbunden wurden das alpha des
labyrinths war die ostseite des westens und das omega die westseite des
ostens das war im grunde zwar ein und dasselbe aber eben das war ja
das labyrinth es hat späterhin genug ddr besucher gegeben deren
ddr erfahrung nicht weiter reichte als bis zum bahnhof friedrichstraße
und dem versuch sich dort zurecht zu finden
alle besonderheiten des bahnhofs friedrichstraße fanden aber ihre
erklärung in seiner lage denn der bahnhof war gar kein übergang
weil er nicht an der grenze lag sondern in ostberlin selbst es war ein
vom osten eingerichteter von diesem kontrollierter von beiden
seiten in beide richtungen genutzter brückenkopf
so gehörte zum beispiel die u bahn dem westberliner senat die s bahn
zur reichsbahn und diese zur ddr der bahnhof war darum was seinen
westteil auf ostgebiet betraf genauso ringsherum abgesperrt wie ganz
westberlin das auf dem territorium der ddr lag und was seinen
ostteil anging so stand dieser in der gleichen verbindung mit ostberlin
wie dieses mit der übrigen ddr
daraus folgte nun auf die dauer daß an der friedrichstraße sich die
berliner konstellation im kleineren oder bahnhofsformat wiederholte
denn was auch immer in den nun vielen folgenden jahren zwischen
den beiden deutschen staaten beziehungsweise der ddr und westberlin
sich ereignen sollte irgendwie spielte sich das nocheinmal ab irgendwo
im bahnhof friedrichstraße und das chaos der ersten tage fand auch
deshalb hier statt weil es gar keinen anderen ort gab der dafür geeignet
genug gewesen wäre es zu veranstalten
als wäre der bahnhof friedrichstraße soetwas wie ein gigantischer
menschenansauger gewesen so sog er wie durch ein saugrohr den
westen ein presste ihn durch den filter der grenzkontrollen während der
osten das saugrohr verstopfte so quoll der westen aus allen löchern und
der osten füllte den bahnhof prall wie einen blindsack oder staubbeutel
die friedrichstraße damm wie trottoir sämtliche freien plätze vor allen
vier seiten des bahnhofs sämtliche aus und eingänge sämtliche treppen
schalter türen alle hallen und bahnsteige waren voller menschen
die s bahnen und u bahnen die omnibusse die toiletten im keller des
bahnhofs die wechselstube in der vorderen halle die auskunft in der
hinteren schalterhalle das mitropacafé die imbissstube daneben die
spätverkaufsstelle unter der unterführung die post mit sämtlichen
telefonzellen und telegraphenschaltern das pressecafé und seine
drehtür die unterführung und die angrenzenden nebenstraßen und vor
allem alles was nach einer kneipe aussah alles war überfüllt von menschen
ostberliner westberliner ostdeutsche westdeutsche osteuropäer
westeuropäer gastarbeiter touristen von allen kontinenten in ostberlin
akkreditierte ausländer und agenten aller geheimdienste der welt
die reisenden aus der ddr hatten sich von schönefeld nach schöneweide
von dort zum ostbahnhof von dem zum alexanderplatz und vom
alexanderplatz zum bahnhof friedrichstraße durchgekämpft und standen
nun auf dem bahnhof wie bestellt und nicht abgeholt einzeln paarweise in gruppen
mit und ohne gepäck hungrig durstig übermüdet ungewaschen und verschwitzt
aufgebracht gereizt apathisch verzweifelt bildeten sie den hauptteil der großen
konfusion
offenbar gibt es mindestens zwei arten der fassungslosigkeit die eine will
oder kann nicht verstehen die andere will oder kann nicht wahrhaben
letztere schien die meisten am bahnhof friedrichstraße eintreffenden
ddr reisenden befallen zu haben
viele waren am sonnabend abend losgefahren um sonntag früh in berlin
zu sein und trafen zu spät ein und wußten von nichts viele waren am
sonntag sehr früh losgefahren um im lauf des tages da zu sein auch sie
waren zu spät glaubten das aber nicht weil es unvorstellbar war obwohl
sie die nachricht kannten und viele die die nachricht kannten fuhren
gerade deswegen und trotzdem erst recht auch noch in den nächsten
tagen los in der wahnhaften einbildung daß gerade dadurch die lage sich
noch einmal ändern würde sie waren meistens ortsfremd und
unentschlossen sie hielten den betrieb auf und dieser aufgehaltene
betrieb nahm auf dem bahnhof den charakter einer turbulierenden
reglosigkeit an es ging weder vor noch zurück aber das ständig im kreis
vergleichbar vielleicht einer herde die sich nicht von der stelle rührt
in derem inneren aber ein ständiges drängeln herrscht um den besten
platz auf dem man sich nicht von der stelle rührt
zur großen konfusion ebenfalls angemessen bei trugen die westdeutschen
berlinbesucher und die ausländischen touristen man befand sich zumeist
auf urlaubsreise und besichtigte die stadt man hatte die nacht verbracht
wie man derlei zu tun pflegt in einer großstadt man war ausgeschlafen
die morgentoilette und das ausgiebige frühstück lagen hinter einem
nun erfuhr man kurz bevor man den reisebus in den ostsektor besteigen
wollte daß man sich mitten in ein historisches ereignis begeben sollte
wer da aus dem bundesgebiet ohnehin mit vorurteilen oder bedenken
angereist war verzichtete dankend wer es aber bisher schon kaum
hatte erwarten können die kommunisten von nahem zu sehen der war
erst recht nicht mehr zu halten der ausländische gast hingegen schien es
sich in keinem fall nehmen zu lassen daß gebuchte programm zu
absolvieren so genau war er mit den verhältnissen weder vertraut noch
an ihnen interessiert und etwas aufregendes etwas spannung
überraschung unvorhergesehens gehörten schließlich dazu wenn man
auf reisen war versorgt mit guten ratschlägen und warnenden hinweisen
fuhr man also hinüber
die prozedur des überquerens der sektorengrenze ließen die einen
amüsiert befremdet über sich ergehen die anderen nahmen sie zum
willkommenen anlaß sich mit gesinnung zu wappnen und die freiheitlich
gewölbte brust herauszudrücken wenn man schon als kriegsbrandstifter
und klassenfeind betrachtet wurde wollte man bei bedarf auch die
ideologischen zähne zeigen das war man den brüdern und schwestern
im osten schuldig aber drei schritte weiter war man von der allseits
waltenden absurdität des faktischen dahingerafft der beobachter selbst
zur tatsache geworden sah nichts mehr
die fasungslosigkeit der zweiten art erfasste die hochgewachsenen
eleganten vertreter der bourgeoisie sie begriffen und verstanden nichts
und das obwohl sie ganz gegen ihre gewohnheit es gewollt hätten
man versuchte sich rauszuhalten abstand zu wahren einander weiter
und wegzuziehen gut betucht wie man war solidarisierte man sich nicht

 

 

dem vornehmen ist jede verbrüderung suspekt und feine leute bestehen
auf ihrer fremdheit aber es gelang nicht gewollt ungewollt wurden sie ein
teil der masse des ganzen ohne ausnahme nicht zu unterscheiden mußten
sie sich verhalten und wurden behandelt wie alle die anderen und kamen
sich aufeinmal selbst wie die ddr reisenden vor das war entwürdigend
und eine zumutung denn sie waren in einer welt die nicht die ihre war
dagegen sträubten sie sich und wenn es ihnen gelungen war sich etwas
luft zu verschaffen geschah es daß man sie plötzlich als welche von drüben
erkannte die menge teilte sich machte platz staunte sie an und beneidete
sie und die gegenseitige verlegenheit ausnützend wurde mancher sogar
und wenn auch nur im scherz richtig angehauen wenigstens ein paar
zigaretten dazulassen oder westgeld manchmal klappte das manchmal
löste das empörung aus aber meist ging es im gelächter unter nur wenn
man glück hatte und auf den richtigen traf kam man ins gespräch
der ließ sich herab zuzuhören stellte fragen alles wurde ihm aufeinmal
erklärt und im nächsten augenblick war man sich so einig daß alle
konfusion überwunden schien
gegenüber den reisenden aus der ddr und den schaulustigen aus aller
welt waren am bahnhof friedrichstraße sowohl die berliner als auch
die organe der sicherheit und die gastarbeiter aus den
tauschhandelsländern glatt in der unterzahl mehr oder weniger durch
nichts zu erschüttern bahnte sich der geborene waschecht unaufgeregt
seinen weg durch die große verwirrung gekonnt wich er dem gedränge aus
mied er zweifelhafte ansammlungen wählte abkürzungen bevorzugte
schleichwege wußte was wann wohin fuhr wie man zu fuß schneller
vorankam ob es sich zu warten lohnte und vielleicht noch hintertürchen
offen standen
viele berliner waren am dreizehnten august gar nicht in berlin gewesen
sondern an der ostsee oder im grünen nun kamen sie langsam zurück
und wer noch nicht abgehauen war oder nicht abhauen konnte oder
wollte oder es bereits aufgegeben hatte abzuhauen der mußte nach dem
ersten schock sehen wo er blieb das leben ging obwohl es viele nicht für
möglich hielten auch diesmal weiter außer denen die noch dawaren
waren alle anderen entweder bereits weg oder noch nicht zurück
allein das rauszubekommen nahm tage und wochen in anspruch in
manchen fällen leider auch monate und jahre jedenfalls hatte der
berliner andere sorgen als sich am bahnhof friedrichstraße ins gewühl
zu stürzen und sein diesbezügliches mißfallen äußerte er bei jeder
passenden und unpassenden gelegenheit laut und deutlich mit einem wort
der berliner war in diesen tagen wieder mal gezwungen zu improvisieren
und wenn er etwas liebte dann das
am bahnhof friedrichstraße herrschte die observierte unübersichtlichkeit
alles was in diesem milieu gedieh fühlte sich hingezogen es wurde
geschmuggelt in den zügen die von prag oder warschau zum zoo fuhren
meist tschechisches bier polnischer schnaps natürlich zigaretten es wurde
geschmuggelt auf den westbahnsteigen alles da für westberliner praktisch
zollfreies gebiet

 

 

es wurde geschmuggelt in den cafés und auf den toiletten meist westgeld
und es wurden geschmuggelt vor hinter und um den bahnhof herum all
die ostwaren mit denen sich eine weile noch etwas verdienen ließ
während die prostitution am oranienburger tor in der oranienburger und linienstraße
zum erliegen kam blühte sie am bahnhof richtiggehend auf
die kunden der mädchen waren fast ausschließlich gastarbeiter gezahlt
wurde in west und in naturalien strumpfhosen zigaretten als die freier
nicht mehr bleiben konnten solange sie wollten weil der tagesaufenthalt
begrenzt wurde reisten sie vierundzwanzig uhr aus und null uhr wieder ein
es wurde geschleust alles was die dienste zu schleusen hatten mitarbeiter
und material über spezielle zugänge das traf im besonderen fall auch auf
den lastkahnverkehr auf der spree zu von den kähnen wurden bei bedarf
ganze ladungen gelöscht die vom interzonenhandel ausgeschlossen
waren oder auf sonstigen embargolisten standen besonders die bahnsteige
in den untergeschossen wurden treffpunkte und übergabeorte aber auch
fallen das gesamte bahnhofspersonal setzte sich aus angehörigen und
informanten zusammen die reichsbahnbediensteten die auf den
westbahnhöfen oder in den im westen verkehrenden s bahnzügen dienst
taten standen unter besonderer betreuung der sicherheit die toiletten
das café die wechselstube die gepäckaufbewahrung alles wurde überwacht
und wenn man einen der unsichtbaren drähte auslöste dann ging ein
lauscher hoch oder ein dienstauge wurde wachsam man bekam einen
zweiten schatten oder machte eine ungewollte bekanntschaft die sich mit
einem recht gern bald wieder mal so nett unterhalten wollte also spitzel
schnüffler und anbiederer überall und auch draußen um den bahnhof
jede menge helfer zur stelle denn vor allem war der bahnhof der größte
private treffpunkt der ganzen vakuole
daß man nicht mehr freizügig war das war schlimm genug für die meisten
noch schwerer wog daß sie nicht nur von angehörigen und freunden
sondern von ihrem gesamten umfeld ihrer persönlichen infrastruktur
abgeschnitten waren viele lebten im westen und wohnten nur im osten
viele hatten geld und wertsachen in westberlin liegen nicht wenige
studierten an westberliner hochschulen und der freien universität sehr
viele arbeiteten als grenzgänger und waren plötzlich ohne arbeit und lohn
viele leute waren auch liiert also verlobt verheiratet man hatte geschiedene
frauen im osten oder unterhaltspflichtige kinder personenstandsurkunden mußten
beigebracht konten umgeschrieben bargeld und sachleistungen
befördert werden alles konspirativ
dazu kamen die ost und westgrundstücke mit den jeweiligen eigentümern
auf der anderen seite unzählige vermögens und nutzungsrechte die wahrzunehmen
nicht mehr möglich war unzählige vollmachten und verpflichtungserklärungen die
heimlich aufgesetzt wurden nicht zu
vergessen das hab und gut die unzähligen persönliche gegenstände
welche kurzentschlossene und gelegenheitsflüchtlinge zurückgelassen
hatten auch dies wollte irgendwie ohne das jemand etwas merkte nach
drüben geschafft werden der nachträgliche wohnungstausch spielte
keine kleine rolle das unter den nagel reißen war gang und gäbe

 

 

vor allem aber wurden fluchten organisiert die wörter fluchthilfe und
fluchthelfer tauchten auf der erste kontakt die weiteren informationen
die entscheidenden details waren ohne den bahnhof friedrichstraße
nicht zu organisieren scheinbar war es das bequemste oder fiel dort
im einzelnen nicht auf was tausendfach stattfand
das faszinierende waren aber nicht nur die jeweiligen aktivitäten
sondern deren nicht zu durchschauendes aber fühlbares
feingesponnenes zusammenspiel es machte die eigentliche
anziehungskraft dieses schauplatzes aus dieser bahnhof nahm auf und
entließ eine unzahl zielstrebiger rascher eiliger hilfloser zögernder
suchender umherirrender panischer hektischer atemloser
zuspätkommender reglos wartender versetzter auftauchender
verschwindender und versteck spielender menschen die sich pausenlos
auffallend unauffällig begrüßten verabschiedeten stehenblieben
weitergingen unbeteiligt taten aneinander vorbeisahen blickkontakt
suchten und kam etwas dazwischen und bemühte sich jemand um ihre
bekanntschaft so taten als hätte man sie verwechselt und alles nur zufall
draußen aber spiegelte sich das licht in den pfützen auf dem aspahlt denn
die stadtreinigung fuhr regelmäßig mit sprengwagen vorüber das wasser
war parfümiert ohne abzureißen preßte sich der verkehr in beiden
richtungen unter der unterführung durch rasselte und rummelte der
s und u bahnverkehr hüllten die lokomotiven des fernverkehrs die
bahnhofshalle und den himmel mit wolken ein rannte unaufhörlich am
laufenden band die leuchtschriftzeile von rechts nach links und tickerte
die neuesten nachrichten verpesteten die doppelstockbusse alles mit
auspuffgas riefen die zeitungsverkäufer die bz am abend aus wurde gehupt
gerufen gewunken klangen die lautsprecherdurchsagen von den
bahnsteigen und an allem haftete damals außerdem der duft der großen
weiten welt denn alles rauchte peter stuyvesant und der bahnhof
friedrichstraße blieb die nächsten achtundzwanzig jahre der ort
wo es immer sowohl nach west als auch nach ost stank


Thomas Körner: Drüben oder Erinnerungen an ein Tollhaus © Acta litterarum 2017